Pflanzenheilkunde bei Schilddrüsenerkrankungen

Im nachfolgenden Artikel geht es um die Chancen und Grenzen der Pflanzenheilkunde bei der Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen. Während eine Heilung von Krankheiten der Schilddrüse durch Heilpflanzen eher unwahrscheinlich ist, lassen sich einige der beeinträchtigenden Beschwerden aber durchaus gut damit lindern.

Schilddrüsenüberfunktion / Morbus Basedow

Heilpflanzen die bei einer Schilddrüsenüberfunktion (Überschuss an Schilddrüsenhormonen) zuweilen empfohlen werden sind Herzgespann, Klette, Lavendel, Salbei, Schachtelhalm, Weinraute, Wolfstrappkraut und Zitronenmelisse. Für die meisten dieser Heilpflanzen gibt es bislang aber keine verlässlichen Studien welche die Wirksamkeit zweifelsfrei belegen würden. Das gilt auch für den zur Zeit angesagten Haferstroh (Avena sativa) der als mehrwöchige Teekur angewendet bei Schilddrüsenüberfunktion gegen die typischen Beschwerden wie Nervosität, Reizbarkeit und Schlafstörungen helfen soll.

Im Hinblick darauf ist nur das Wolfstrappkraut (Lycopus europaeus) hervorzuheben, dessen Wirkung auf die Schilddrüsenfunktion in einigen wenigen Studien nachgewiesen werden konnte. Wolfstrappkrautpräparate bewirken demnach eine erhöhte Ausscheidung des Schilddrüsenhormons T4, lindern beeinträchtigende Symptome wie Herzklopfen und Herzrasen und beeinflussen den bei einer Schilddrüsenüberfunktion oftmals erhöhten Blutdruck günstig. In Tierversuchen konnte außerdem gezeigt werden, dass die Schilddrüsenparameter T3, T4 und TSH durch Wolfstrappkraut gesenkt werden können. Aufgrund dieser Ergebnisse kann der Einsatz von Wolfstrappkraut bei einer leichten Schilddrüsenüberfunktion sinnvoll sein. Von einer Selbstbehandlung ist jedoch abzuraten – eine Überfunktion der Schilddrüse kann gefährlich entgleisen und gehört deshalb immer auch in ärztliche Hände.

  • Eiling R Wieland V, Niestroj M. “[Improvement of symptoms in mild hyperthyroidism with an extract of Lycopus europaeus (Thyreogutt® mono)].” Wien Med Wochenschr. 2013 Feb;163(3-4):95-101.
  • Beer AM, Wiebelitz KR, Schmidt-Gayk H. “Lycopus europaeus – Effects on the thyroidal parameters and symptoms associated with thyroid function.” Phytomedicine. 2008 Jan;15(1-2):16-22.
  • Vonhoff C, Baumgartner A, Hegger M, Korte B, Biller A, Winterhoff H. “Extract of Lycopus europaeus L. reduces cardiac signs of hyperthyroidism in rats.” Life Sci. 2006 Feb 2;78(10):1063-70. Epub 2005 Sep 16.
  • Winterhoff H, Gumbinger HG, Vahlensieck U, Kemper FH, Schmitz H, Behnke B. “Endocrine effects of Lycopus europaeus L. following oral application.” Arzneimittelforschung. 1994 Jan;44(1):41-5.

Ein Tierversuch an Ratten ergab einen Hinweis auf eine möglicherweise T3- und T4-senkende Wirkung von Bockshornklee (Trigonella foenum-graecum) und Knoblauch (Allium sativum).

  • Tahiliani P, Kar A. “Mitigation of thyroxine-induced hyperglycaemia by two plant extracts.” Phytother Res. 2003 Mar;17(3):294-6.
  • Tahiliani P, Kar A. “The combined effects of Trigonella and Allium extracts in the regulation of hyperthyroidism in rats.” Phytomedicine. 2003 Nov;10(8):665-8.

Wer sich ergänzend zur schulmedizinischen Therapie etwas Gutes tun möchte, kann sich in der Apotheke beispielsweise einen Schilddrüsentee mit Baldrian, Lavendel, Herzgespann, Salbei, Weißdorn, Wolfstrappkraut und Zitronenmelisse mischen lassen.

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Morbus Basedow-Betroffenen die zusätzlich unter der Augenbeteiligung (Endokrine Orbitopathie) leiden verschafft zudem oft eine Augentrost-Kompresse etwas Linderung bei den unangenehmen Begleiterscheinungen wie geröteten, gereizten und trockenen Augen. Eine Anleitung dafür finden Sie unter dem entsprechenden Heilpflanzenporträt.


Schilddrüsenunterfunktion / Schilddrüsenvergrößerung / Jodmangel

Jodhaltige Heilpflanzen werden bei einer Schilddrüsenunterfunktion (Mangel an Schilddrüsenhormonen) bzw. einer Schilddrüsenvergrößerung angewendet. Das sind zum Beispiel Algen, Blasentang, Efeu, Hirtentäschel, Islandflechten, Meerschwamm, Meerträubel, schwarze Walnuss und Wolfsfuß. Um einen ausgeprägten Jodmangel damit auszugleichen ist der Jodgehalt aber zu gering.

Zum hierzulande eher unbekannten, aber in Indien verbreiteten, Kleinen Fettblatt (Bacopa monnieri “Brahmi”) gab es mal einen Tierversuch an Mäusen bei dem sich herausstellte, dass sich die Konzentration des Schilddrüsenhormons T4 durch die Verabreichung eines entsprechenden Pflanzenextrakts erhöht hat. Die Ergebnisse sind aber sicher nicht so ohne weiteres auf Menschen übertragbar.

  • Kar A, Panda S, Bharti S. “Relative efficacy of three medicinal plant extracts in the alteration of thyroid hormone concentrations in male mice.” J Ethnopharmacol. 2002 Jul;81(2):281-5.

Wenig bekannt ist auch Tragant (Astragalus frigidus). Ein aus seinem Wurzelstock gewonnener Pflanzenextrakt soll das Immunsystem stärken und die Blutbildung fördern können weswegen er manchmal unterstützend bei Erschöpfungszuständen infolge einer Unterfunktion der Schilddrüse verabreicht wird. Eindeutige Belege hierfür fehlen allerdings.

Wissenschaftlich nicht erwiesen ist auch die Gemmotherapie (lat. gemma = Knospe) bei der ausschließlich junges Pflanzengewebe mit vermeintlichen “pflanzlichen Stammzellen”  verwendet wird. Von daher ist Behauptungen nach denen Extrakte aus Moor-Birken-Kätzchen (Betula pubescens) bei einer Unterfunktion der Schilddrüse und Knospen des Weißdorns bei einer Schilddrüsenüberfunktion helfen sollen eher kritisch zu begegnen.

Die Schilddrüsenfunktion soll außerdem auch durch Thymian (Thymus vulgaris) angeregt werden können. Das ist nicht nur ein oft verwendetes Küchenkraut, sondern auch eine sehr wirksame Heilpflanze die als Kräutertee oder Hustensaft bei Erkältungskrankheiten zum Einsatz kommt. Die Wirksamkeit bei Krankheiten der Schilddrüse ist aber nicht belegt. Das gilt auch für andere Arten wie den Sand-Thymian “Quendel” (Thymus serpyllum).


Diosgenin ist eine progesteron-ähnliche Substanz die aus der aus der Wild Yams-Wurzel (Dioscorea) gewonnen wird. Da Progesteron die Verwertung der Schilddrüsenhormone fördern soll wird hochdosiertes Diosgenin vorwiegend bei Schilddrüsenunterfunktion sowie begleitend auftretenden Störungen der Sexualhormone angewandt. Ein Versuch mit Fertigpräparaten kann beim prämenstruellen Syndrom – unter dem viele SchilddrüsenpatientInnen leiden – durchaus erfolgsversprechend sein. Alternativ sollte man auch an Mönchspfeffer denken.

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Die Luzernenart Alfalfa (Medicago sativa) enthält nennenswerte Mengen der Aminosäure Tyrosin. Sie ist neben dem Spurenelement Jod der wichtigste Baustein für die Schilddrüsenhormone. Alfalfa-Sprossen kann man selbst relativ einfach auf der Fensterbank heranziehen.


Hashimoto-Thyreoiditis / Ord-Thyreoiditis / Autoimmunthyreoiditis

Bei der Hashimoto-Thyreoiditis werden unterstützend eher Heilpflanzen eingesetzt die entweder beruhigend wirken und reich an entzündungshemmenden Flavonoiden sind (Hopfen, Passionsblume und Weißdorn) oder Heilpflanzen welche die anhaltenden Erschöpfungszustände lindern können (Panax Ginseng und Rosenwurz). Die bereits oben erwähnten Tragant- und Wild Yams-Wurzeln sowie Alfalfa-Sprossen kommen ebenfalls zur Anwendung.

Heilpflanzen die das Immunsystem stärken sollen (Lebensbaum, Mistel, Sibirischer Ginseng “Taigawurzel”, Sonnenhut, Wasserdost, Wilder Indigo) sind bei einer Hashimoto-Thyreoiditis hingegen nicht empfehlenswert. Bei dieser Autoimmunerkrankung läuft das Immunsystem ohnehin schon auf Hochtouren und eine weitere Anregung würde den Krankheitsverlauf nur noch weiter verschlimmern. Da Jod als eine der möglichen Ursachen für die Hashimoto-Thyreoiditis gilt, sollen über einen längeren Zeitraum und/oder in höheren Dosierungen auch keine jodhaltigen Heilpflanzen eingenommen werden.

Als “noch” exotische Heilmittel bei Hashimoto-Thyreoiditis gelten die indische Myrrhe (Guggul) und die Schlafbeere (Ashwagandha) deren Wirksamkeit aber ohnehin umstritten ist.


Als Folge der Schilddrüsenunterfunktion (Mangel an Schilddrüsenhormonen) leiden Hashimoto-Thyreoiditis-Betroffene häufig unter einem ausgeprägten Kältegefühl. Schnelle Abhilfe bietet dann ein Zimt– oder ein Ingwer-Tee. Beide Heilpflanzen wirken durchwärmend!

Bei Wassereinlagerungen sollte immer auch an Heilpflanzen mit ausschwemmender und entgiftender Wirkung wie Birke, Brennessel und Löwenzahn gedacht werden.

Für die Selbstbehandlung von Muskel- und Gelenkschmerzen sind auch ein Wannenbad dem ein Rosmarin-Badesalz zugesetzt wurde und/oder die Massage mit Johanniskraut-Rotöl sehr wirksam. Es ist übrigens gar nicht so schwierig beides selbst herzustellen. Die Rezepte finden Sie unter den verlinkten Heilpflanzenporträts.

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Bei anhaltenden Erschöpfungszuständen und verminderter Stressresistenz kann ein Fertigpräparat welches Rosenwurz, Panax Ginseng oder Spaltkölbchen (Schisandra chinensis) enthält eventuell Verbesserungen bringen. Diese Heilpflanzen sind sogenannte Adaptogene die immer häufiger im Zusammenhang mit der Hashimoto-Thyreoiditis genannt werden.  PatientInnen berichten durchaus von positiven Erfahrungen. Forschungsarbeiten welche explizit die Wirksamkeit bei Schilddrüsenerkrankungen belegen würden fehlen allerdings noch.


Schilddrüsenknoten / Schilddrüsenkrebs

Interessant war diesbezüglich eine vor wenigen Jahren durchgeführte Studie zur möglichen Wirksamkeit von Süßholz-Extrakten (Glycyrrhiza glabra) auf Schilddrüsenkrebszellen.

  • Chintharlapalli S, Papineni S, Lee SO, Lei P, Jin UH, Sherman SI, Santarpia L, Safe S. “Inhibition of pituitary tumor-transforming gene-1 in thyroid cancer cells by drugs that decrease specificity proteins.” Mol Carcinog. 2011 Sep;50(9):655-67. doi: 10.1002/mc.20738. Epub 2011 Jan 25.

Zur derzeitigen Standardtherapie bei Schilddrüsenkrebs, d.h. der Kombination von operativer Schilddrüsenentfernung und anschließender Radioiodtherapie, werden Süßholz-Extrakte aber wohl auch zukünftig keine Alternative sein.

Lesenswert ist auch die folgende Veröffentlichung

  • Hye-Ji Shin, Kyung-A Hwang, Kyung-Chul Choi “Antitumor Effect of Various Phytochemicals on Diverse Types of Thyroid Cancers” Nutrients. 2019 Jan; 11(1): 125.

Die Forschungsarbeit beschäftigt sich mit Substanzen wie Resveratrol (Weintrauben, Blaubeeren, Himbeeren, Granatapfel), Isoflavonen (Hülsenfrüchte, Sojabohnen, Lupinen, Kaffeebohnen), Kurkuma (gelber Ingwer), Flavonoiden wie Myricetin (schwarzer Tee, Beeren, Früchte) und Quercetin (Kapern, Liebstöckel) sowie Apigenin (Dahlien, Petersilie, Sellerie, Kamille) und Epigallocatechingallat (grüner Tee) im Hinblick auf Schilddrüsenkrebs.